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Pflegegrade - auf die Selbständigkeit kommt es an

Letzte Aktualisierung: 24. Januar 2018

Mit der Umsetzung des Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) wurden die Pflegestufen und das Konzept des Pflegebedarfs abgeschafft und durch die so genannten Pflegegrade ersetzt. Anstatt der vier Pflegestufen gibt es nun 5 Pflegegrade. In Abhängigkeit der Selbständigkeit einer pflegebedürftigen Person wird nun Pflegegrad 1Pflegegrad 2Pflegegrad 3Pflegegrad 4 oder
Pflegegrad 5 bewilligt.

Wer vor dem 31.12.2016 bereits eine Pflegestufe hatte oder eine solche zumindest beantragt hat, wurde zum 01.01.2017 automatisch in einen Pflegegrad übergeleitet.

Neues Verständnis von Pflegebedürftigkeit

Nicht nur der Begriff wurde von Pflegestufe zu Pflegegrad geändert. Auch das Verständnis von Pflegebedürftigkeit hat sich vollständig verändert. Bis 2016 ging es um die Zeit, die zur Pflege einer pflegebedürftigen Person aufgewendet werden musste. Um Leistungen von der Pflegeversicherung zu erhalten, musste dargelegt werden, wie viele Minuten für die Pflege täglich benötigt wurden.

Mit dem PSG II wurde das Konzept der Selbständigkeit eingeführt. Entscheidend ist nun die Frage, wie selbständig bzw. unselbständig eine pflegebedürftige Person den eigenen Alltag bewältigen kann.

In öffentlichen Debatten wurde viele Jahre beklagt, dass der Hilfebedarf, der infolge Alzheimer oder einer psychischen Erkrankung mit ähnlichen Folgen entsteht, sehr unzureichend berücksichtigt wurde. Das hat sich nun geändert.

Neue Begutachtungsrichtlinien

Wie selbständig eine pflegebedürftige Person den eigenen Alltag bewältigt, ermittelt der MDK-Gutachter anhand völlig neu entwickelter Begutachtungsrichtlinien. Der Gesetzgeber hat insgesamt 64 Fragen definiert, die alle Lebensbereiche einer pflegebedürftigen Person beleuchten. Aus den Antworten errechnet sich, welcher Pflegegrad der pflegebedürftigen Person zusteht. Und aus dem Pflegegrad ergeben sich die Leistungsansprüche.

 

Hauptleistungsbeträge
(in Euro)
PG 1 PG 2PG 3PG 4PG 5
Geldleistung
ambulant
316545728901
Sachleistung
ambulant
689129816121995
Entlastungsbetrag
ambulant
125125125125125
Leistungsbetrag
vollstationär
125770126217752005
Einheitlicher
pflegebedingter
Eigenanteil
580580580580

Pflegestufen - ein veraltetes Konzept kurz erklärt

Als die Pflegeversicherung eingeführt wurde, musste entschieden werden, wer in welchem Umfang Leistungen bekommen kann. Dazu wurden drei Pflegestufen sowie die Pflegestufe 0 eingeführt. Es wurden politische Entscheidungen getroffen, um die Ausgaben zu begrenzen. Bei der Einstufung wurde ein deutlicher Schwerpunkt auf den Bereich der Grundpflege gelegt. Es wurde berücksichtigt, welche Hilfen nötig sind, um Körperpflege, Kleiden, Toilettengänge, Nahrungsaufnahme und die dazu nötigten Wege zu bewältigen. Hilfen bei der Freizeitgestaltung, allgemeine Beaufsichtigung und Betreuung, aber auch ärztlich verordnete Maßnahmen der häuslichen Krankenpflege spielten bei der Einstufung kaum eine Rolle.

Auch für die Pflegestufen gab es Begutachtungsrichtlinien, in denen definiert war, wie eine Einstufung in eine Pflegestufe zu erfolgen hatte. Sie umfassten etwa 200 Seiten Text und bildeten die Grundlage für alle Entscheidungen zum Umfang des Pflegebedarfs. Nur wenn die Voraussetzungen erfüllt waren, konnten Leistungen aus der Pflegeversicherung für die Pflegestufen 0, I, II oder III gezahlt werden.
Eines der wichtigsten Kriterien war der zeitliche Aufwand, der einer Laienpflegekraft durchschnittlich für die Durchführung von Pflegeverrichtungen entstand. Für einige der häufigsten Verrichtungen wurden Zeitkorridore ermittelt und in die Begutachtungsrichtlinien aufgenommen. Einige Beispiele, wie die GutachterInnen des MDK in der Welt der Pflegestufen rechnen mussten:

  • Tägliches Flechten eines Zopfes konnte anerkannt werden.
  • Für das Zähneputzen wurden 5 Minuten anerkannt.
  • Die Begleitung bei Spaziergängen wurde nicht anerkannt.
  • Zum Bereich "Mobilität im Sinne des Gesetzes" (§14 SGB XI) gehörten alle Wege, die zur Körperpflege oder zur Ernährung nötig waren. Und das spielt sich in der Regel in der Wohnung ab. Ein Sonderfall waren unvermeidliche und regelmäßige Arzt- oder Therapiebesuche, die persönlich erledigt werden mussten, zum Beispiel zur Dialyse. War eine Begleitung für Hin- und Rückweg erforderlich, wurde diese Zeit voll angerechnet. In der Regel können die Pflegebedürftigen in der Arztpraxis allein zurecht kommen, so dass die Wartezeit dort nur in Ausnahmefällen anerkannt werden konnte.
  • Die regelmäßige und auf Dauer nötige Begleitung in eine Arzt- oder Physiotherapiepraxis wurde angerechnet.
  • Wurde das Waschen des Unterkörpers vollständig von einer Pflegeperson übernommen, standen 12-15 Minuten im Zeitkorridor.
  • Die Beaufsichtigung von verwirrten Menschen, die oft rund um die Uhr nötig ist, wurde nur sehr eingeschränkt anerkannt.
  • Die Begleitung einer schwer gehbehinderten Person, die beispielsweise vom Wohnzimmer in die Küche zum Essen geht und dafür sieben Minuten braucht, konnte anerkannt werden.
  • Abends müssen sich die meisten Menschen ausziehen, "frisch machen" und die Nachtwäsche anziehen. Für das "Entkleiden (gesamt)" galt ein Orientierungswert von 4 bis 6 Minuten. Toilettengang, Intim- und Zahnpflege, Kämmen und die Transfers wurden extra berechnet.
  • War eine pflegebedürftige Person nicht in der Lage, selbst an regelmäßiges Essen zu denken und sinnvoll auch nur ein Frühstück zusammen zu stellen, so war die Hilfeleistung im Bereich der hauswirtschaftlichen Hilfen (nicht bei der Grundpflege) anzuerkennen. Musste das Essen zerkleinert werden, so wurden 2 - 3 Minuten angerechnet. Wurde Bissen für Bissen angereicht, kamen für eine Hauptmahlzeit 15 - 20 Minuten dazu. Diese Zeiten konnten noch deutlich überschritten werden, wenn wieder und wieder zum Essen oder Trinken motiviert werden musste.

Den individuell nötigen Zeitaufwand zu ermitteln, war eine der Hauptaufgaben des MDK im Rahmen der Begutachtungen. Dabei konnten zur Zeiten der Pflegestufen jedoch nur bestimmte Pflegeverrichtungen anerkannt werden und es musste sich auf die in den Begutachtungsrichtlinien festgelegten Zeitkorridore bezogen werden.

War die Umstellung auf Pflegegrade sinnvoll?

Mit der Abschaffung der Pflegestufen wurden auch die Begutachtungsrichtlinien der Pflegestufen abgeschafft und ein neues Verständnis von Pflegebedürftigkeit eingeführt.

Nun geht es um die Selbständigkeit einer pflegebedürftigen Person. Zu beantworten ist im Rahmen einer Begutachtung die Frage, wie eingeschränkt diese Selbständigkeit ist.

Damit hat der Gesetzgeber einen sehr sinnvollen Weg beschritten. Pflegebedürftigkeit wird seit der Einführung der Pflegegrad viel ganzheitlicher betrachtet. Wo bislang im Wesentlichen die Minuten gezählt wurden, die für die Pflege aufgewendet werden mussten wird nun hinterfragt, in welchen Lebensbereichen eine Person wie stark in der Selbständigkeit eingeschränkt ist.

Dadurch können endlich auch Hilfebedarfe berücksichtigt werden, die bisher außer Acht gelassen wurden, weil sie keine unmittelbare pflegerische Handlung erfordert haben.

Demenzerkrankte zum Beispiel haben häufig Schwierigkeiten sich im eigenen Alltag zu orientieren und den eigenen Tag zu strukturieren. Einschränkungen, die auf eine Einstufung in Pflegestufen keinen Einfluss hatten, nun aber zu einem höheren Pflegegrad führen können. Menschen, die von Demenz oder Alzheimer betroffen sind, profitieren am meisten von der Umstellung.