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Billige Altenpflege

Der Bundestagsabgeordnete Willi Zylajew spekuliert öffentlich über die Versorgung von pflegebedürftigen alten Menschen im Ausland. Kassenvertreter können dem einiges abgewinnen. Zum Geburtstag des Opas nach Thailand?

Träumen Sie von einer Reise zu einem Ort Ihrer Sehnsucht? Vielleicht wollen Sie dort nicht nur für ein paar Wochen, sondern viel lieber für viel länger leben? Einmal Capri sehen und sterben …
In solchen Phantasien kommen in der Regel weder Rollatoren, noch Menschen vor, die Hilfe bei der Körperpflege brauchen.
Mit wenig idyllischen Gedankenspielen zur Pflege von alten Menschen im Ausland, hat Willi Zylajew in den letzten Tagen viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt. ZDF, Süddeutsche Zeitung (SZ) oder Frankfurter Rundschau (FR): alle leiten ihre Texte zum Thema mit Überlegungen zu knappen Kassen mit den Klagen zum Mangel an Pflegepersonal ein. Heraus kommt die griffige Formel:
Deutsche im Ausland pflegen lassen, statt ausländische Pfleger nach Deutschland zu holen.
Es gibt viele Staaten, wo sich Pflegeheime billiger organisieren lassen als in Deutschalnd. Ein dementer 80-jähriger könne doch zum Beispiel in Thailand von einer gut – vielleicht sogar in Deutschland – ausgebildeten Pflegekraft versorgt werden. Wahrscheinlich wäre sie sehr froh über diese Verdienstmöglichkeit. Wahrscheinlich könnte mit weniger Geld sogar mehr Pflegenservice bezahlt werden… AOK und Barmer BEK zeigten sich offen für Überlegungen zur Pflege in ausländischen Altenheimen, berichtet die Frankfurter Rundschau.
In der Regierungskoalition wird zurück gerudert: Jens Spahn (MdB, CDU) betont es sei wichtig, dass die Einzelnen finanziell vorsorgten. Es bleibe eine individuellen Entscheidung ob sich jemand im Ausland versorgen lassen wolle. „Das ist keine politische Diskussion“, so Spahn. Wenig Verständnis für Zylajews Ideen zeigt auch Christine Aschenberg-Dugnus (MdB, FDP): „Soll die Familie zum Geburtstag vom Opa nach Thailand fahren?“

Seit Jahren wird um die deutschen Pflegenoten gestritten, ohne dass es bisher gelungen wäre ein System zu enwickeln, das in der Pflege mehrheitlich akzeptiert würde. Wäre es möglich von Deutschland aus sicher zu stellen, dass es mit der Qualität in der Pflege im Ausland stimmt? Willi Zylajew selbst wies darauf hin: „Neben dem körperlichen muss auch der seelische und geistige Betreuungsbedarf in die Bewertung einbezogen werden.“ Wie soll diese Forderung umgesetz werden, wenn Pflegebedürftige vor allem von Menschen versorgt werden, für die Deutsch Zweitsprache ist und denen die Jugendzeit der Pflegebedürftigen fremd ist?

Arno Widmann fragt in der FR: „Wozu ist eine Gemeinschaft da, wenn nicht für die, die auf sie angewiesen sind?“ Hilde Mattheis (MdB, SPD) kommentiert: „Ein ‚Outsourcing‘ von Pflegebedürftigen, so wie es Zylajew vorschlägt, ist einfach nur menschenverachtend.“ Heribert Prantl beschreibt das Ganze in der SZ als „verrückte Idee“. Die sehr erfolgreiche Exportnation wolle pflegebedürftige Menschen in billige „Heime in Thailand oder Osteuropa“ verfrachten. „Aber die Zwangs-Entsorgung der Alten ist ein Akt der Verrohung.“