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Pflegequalität

Mit der Pflegereform wurde auch beschlossen, dass anfänglich alle drei Jahre, ab 2011 jährlich, anerkannte Pflegeeinrichtungen vom Medizinischen Dienst geprüft werden – grundsätzlich ohne Ankündigung. Damit ist eine alte Forderung von Patientenverbänden umgesetzt. Die Ergebnisse der Prüfungen sind verständlich, zeitnah und verbraucherfreundlich zu veröffentlichen. Damit soll Interessierten auch der Vergleich von Einrichtungen erleichtert werden.

In vielen Gremien wird seit Monaten sehr intensiv darüber diskutiert, was genau in den Seniorenheimen geprüft und in welcher Weise die Ergebnisse im Internet, im Pflegestützpunkt und in der Einrichtung selbst veröffentlicht werden sollen.
Dazu wurde ein detailliertes Konzept vom GKV-Spitzenverband* veröffentlicht. Geordnet in fünf Gruppen sollen über 80 einzelne Kriterien abgefragt werden. Einige Beispiele:
Werden ärztliche Anordnungen eindeutig dokumentiert und konsequent umgesetzt? Wird individuell das Risiko für Druckgeschwüre erfasst? Wird ausführlich und nachvollziehbar die Entwicklung von Wunden dokumentiert? Werden Expertenstandards umgesetzt? Wird bei Menschen mit Ernährungssonden der Geschmackssinn angeregt? Wird die Mundpflege regelmäßig und so, wie individuell gewünscht durchgeführt? Kommen in der Regel immer die selben Pflegekräfte? Gibt es für Demenzkranke gesicherte Orte damit sie sich im Freien aufhalten können? Werden auch Einzelangebote im Rahmen der sozialen Betreuung gemacht? Wird die Eingewöhnungsphase nach dem Einzug systematisch begleitet und ausgewertet? Können die Zimmer individuell gestaltet werden? Wie ist der Gesamteindruck im Bezug auf Sauberkeit/Hygiene (z.B. Geruch)? Wird der Speiseplan in gut lesbarer Form bekannt gegeben? Kann eigenständig entschieden werden, ob die Zimmertür offen oder geschlossen gehalten wird? Haben die BewohnerInnen den Eindruck, dass sich die Pflegekräfte genug Zeit nehmen können?
Bei den Prüfungen könnten einige Bereiche dieser Fragen im Büro abgearbeitet werden. Viele Antworten müssten in den Pflegedokumentationen zu finden sein. Gespräche mit dem Heimbeirat und einzelnen BewohnerInnen sollen ebenfalls zu den Pflichten der Prüfenden gehören.
Wie ein Aushang im Heim aussehen könnte, wurde ebenfalls veröffentlicht.
In einer Stellungnahme der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) wird begrüßt, dass es mehr Transparenz geben wird. „Damit verbunden ist auch die Hoffnung, Druck für qualitätsverbessernde Maßnahmen zu erzeugen.“ Die DAlzG streicht allerdings heraus, dass die Prüfung um eine Frage nach der Umsetzung der genehmigten Personalschlüssel zu ergänzen wäre.

Es muss auch die Frage gestellt werden, wie die Einrichtungen die vielen Kriterien der Prüfung in der Praxis umsetzen sollen. Ein Beispiel:
Nummer 24 der Bewertungskriterien: „Wird das individuelle Sturzrisiko erfasst?“
Faktoren, die hier zu berücksichtigen wären, sind beispielsweise Unsicherheiten beim Aufstehen, Stehen, Gehen, Treppensteigen, aber auch Einschränkungen des Sehens und der geistigen Orientierung. Um dies gründlich zu tun, muss eine Pflegekraft einige Übungen mit den Betroffenen machen und die Ergebnisse dokumentieren. Unter Verwendung von Bewertungsskalen kommt dabei eine Einschätzung heraus, die prophylaktische Maßnahmen überflüssig oder notwendig erscheinen lässt. Das individuelle Sturzrisiko kann sich ändern, durch Erkrankungen, Medikamente oder den Erfolg aktivierender Pflege. So wird in der Regel gefordert die individuelle Einschätzung alle 4-6 Wochen zu wiederholen. Eine Pflegefachkraft muss also wieder Einschätzen, Übungen mit den Bew. durchführen, dokumentieren, Maßnahmen evaluieren und neue planen. Die geänderten Pflegemaßnahmen müssen im Team kommuniziert werden. Wäre das in 15 Minuten zu schaffen? Eine Hochrechnung:
In einem Wohnbereich leben vielleicht 24 Menschen; zwei Drittel könnten aufstehen; regelmäßig alle sechs Wochen wird das Sturzrisiko eingeschätzt, was jeweils mindestens 15 Minuten dauert. Daraus errechnen sich monatlich etwa zweieinhalb Arbeitsstunden einer Pflegefachkraft. In ähnlicher Weise soll auch beim Dekubitusrisiko, bei Schmerzen, bei der Ernährung, bei Inkontinenz, beim Kontrakturenrisiko und im Zusammenhang mit Demenz verfahren werden.
Wenn dieser Zeitaufwand nicht bei der Körperpflege, bei der Anleitung von Auszubildenden, bei der Qualifizierung von Angelernten, bei der Fortbildung, bei Gesprächen mit Angehörigen … eingespart werden soll, dann müssen die Kostenträger mehr Personal finanzieren.

* Der GKV Spitzenverband ist die Dachorganisation für die gesetzlichen Krankenkassen.

wietere Informationen z.B. zu Bewertungskriterien des MDS für stationäre Pflegeeinrichtungen finden Sie hier

unser Beitrag Qualität in der häuslichen Pflege vom 12.1.2009 über die Bewertungkriterien für ambulante Pflegeeinrichtungen

Heimnachschauen – Qualitätssicherung auf bayerisch vom 22.3.2008

Qualität – in allen Altenheimen vom 12.3.2008

Neues Heimgesetz in NRW vom 23.1.2008

Qualität hoch 3 vom 6.7.2007